Workshop 2026

Im Gegensatz zur (post-)cartesianischen Philosophie der Moderne, die von einer homogenen und neutralen Räumlichkeit ausgeht, ist die Phänomenologie für eine Reflexion der Situiertheit prädestiniert, insofern der Ort und die Räumlichkeit grundlegende Bedeutung für die sinnhafte Orientierung in der Welt ist. Der Leib-Körper stellt hierbei nicht einfach eine Position unter anderen dar, die sich in einem vorgegebenen Koordinatensystem verorten ließe. Vielmehr ist er selbst die unhintergehbare Bedingung von Koordinaten – als Ausgangspunkt aller Orientierung und Sinngebung. Damit tritt nicht nur die leibliche Verfasstheit unserer Erfahrung in den Vordergrund, sondern ebenso die konkrete Situiertheit des Denkens in Sprache, Geschichte, Kultur usw. Diese situierte Perspektive auf konkrete Beziehungen zwischen Ort, Raum und Subjektivität ist zugleich in anderem Erkenntnisinteresse in feministischen, interkulturellen und rassismuskritischen Wissenskontexten herausgearbeitet worden.

Da Erfahrungen immer situiert sind, bedarf es eines reflexiven Prozesses, um die Situiertheit von Erfahrungen transparent zu machen und sich dazu verhalten zu können. Für eine erfahrungsbasierte Philosophie wie die Phänomenologie ebenso wie für feministische, interkulturelle und rassismuskritische Theorien wird gelten müssen, dass sich auch ihre eigene Praxis diesem Prinzip nicht entziehen kann, d.h. dass auch die philosophische Theorie- und Lektürearbeit situiert ist.

Der Workshop greift die Reflexion der Situiertheit in zwei Schritten auf:

1) Phänomenologie der Situation: Wenn Situationen den Nullpunkt jeder Erfahrung darstellen, versteht sich doch nicht von selbst, als was Situationen zu gelten haben und wie sie zu begreifen sind. Ist die Situation selbst ein Phänomen – also etwas, das erscheint – oder bildet sie vielmehr die Bedingung der Möglichkeit von Erscheinung? Ist die Situation als Ort-Werdung des Raumes zu verstehen? Oder stellt umgekehrt der Raum eine höhere Konstitution dar, die sich aus der leiblich situierten Orthaftigkeit ergibt? Systematische theoretische Beiträge zu diesem ersten Aspekt widmen sich der Klärung dieser Fragen und untersuchen das Verhältnis von Ort und Raum, Leib und Körper, erlebter Situation und sozialer, politischer Position.

2) Situierte Lektüren: Dieser Teil des Workshops ist ein Lektüre-Experiment, das von der Hypothese ausgeht, dass sich die Situiertheit der philosophischen Arbeit auch in deren Resultaten zeigen muss. Je nachdem, wie ich situiert bin und wie ich damit umgehe, lese ich Texte entsprechend anders. Der Workshop will mit dieser Hypothese experimentieren, indem er jeweils zwei Leser:innen dieselbe Passage eines phänomenologischen Klassikers interpretieren lässt und dabei als Aufgabe stellt, die eigene Lektürearbeit zu reflektieren (also aus der Situation des Lesens auf die eigene Situiertheit zu reflektieren).

Mit Unterstützung der

DGFP und FernUni Hagen

Workshop

Phänomenologie der Situation
& Situierte Lektüren

25. – 26. Juni 2026

Ort

FernUniversität in Hagen
Universitätsstraße 47, 58097 Hagen
Gebäude 1, Raum 1-3

Organisation

Thomas Bedorf (FernUniversität in Hagen) &
Abbed Kanoor (Universität Hildesheim, GloPhi – Philosophizing in a Globalized World)

Programm

Keynote im Rahmen des forum philosophicum

Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky (LMU München)
Situation, Situiertheit, Standpunkt – Soziologische Überlegungen zur Positionalität von Lesarten

Abbed Kanoor & Thomas Bedorf Eröffnung

Philipp Battermann Situativität und Zeugnis. Widerstreit in Husserls Verstehensmodell im Anschluss an Lyotard

Kim Wagener Sprechen-›Mit‹: Zu einer Phänomenologie der Situation mit Jean-Luc Nancy

Tom Poljansek Aufenthalte ohne Verortung? Die Situation unter Bedingungen ihrer Digitalisierung

Kaffeepause

Ruben Pfizenmaier Situation als Vollzug: Impulse aus der klassischen Rhetorik

Bastian Groß Dazwischen situiert. Watsujis fudo als Grund der Selbstentfremdung bei Fanon

Kaffeepause

Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky (LMU München)
Situation, Situiertheit, Standpunkt – Soziologische Überlegungen zur Positionalität von Lesarten